03 Feb 2011

Finis coronat opus.

Kein Kommentar Kulturbeutel

Das Ende krönt das Werk – so drückte es ein seinerzeit berühmter römischer Dichter einst aus. Das sehe ich seit heute Abend verdammt anders. Mein Ende hinterlässt mich zerrissen, verwirrt und unentschlossen. Ein Zustand, dem ich selten etwas Gutes abgewinnen kann. Im folgenden lesen Sie, inklusive Einleitung, welcher Gedanke mich zu welchem Ende bringt.

Medien und Gesellschaft sind sich in letzter Zeit verdammt einig, geht es um den zügellosen Fleischkonsum der Deutschen, der die Landwirtschaft in die Amerikanisierung treiben würde. Stimmt es wirklich? Kommt die Durchschnittsfamilie nicht mehr ohne Salami und Bolognese durch den Tag? Oder ist dieser Konsum lediglich die Folge der Billigpreisstrategie, die “frische Hähchenschenkel” für 29 Cent das Kilo in kein Verhältnis zu Qualität und Wert setzt?

Ich kann mich selbst nicht davon freisprechen, verantwortungslos oder leichtsinnig in das Wurstregal im Supermarkt zu greifen. Erst als mir Frank Plasberg und das SZ-Magazin unverblümt und unabhängig vom Dioxin-Skandal mal wieder ins Bewusstsein riefen, was dort hinter den Toren der Mastindustrie abläuft, bekam ich den Schreck, der meist proportional zum abebbenden Medienthema weniger wird. Langfristig, so steht es in den meisten Artikeln, verändere nur ein kleinster Bruchteil der Verbraucher sein Essverhalten auf Grund von Schockreportagen oder Lebensmittelskandalen.

Ich, die Studentin, die mit Salami oder Schinken kaum einen Tag ohne Fleisch verbringt, und sich lange Zeit über so manchen Vegetarier lustig gemacht hat, bin plötzlich neugierig, selbiges auszuprobieren. Zehn Tage lang keine Wurst, keine Bolognaise-Soße, keine Pizza Speciale. Es fühlt sich als Nachteil statt Disziplin an, dass es mir keine Probleme bereitet – denn was mich durch diese zehn Tage bringt, ist neben dem Ekel abscheulicher Tierhaltung und -tötung banal wie typisch für mich: Ehrgeiz.

Der Drang, alles richtig zu machen und nicht als Verlierer dazustehen, ganz gleich ob vor einem selbst oder den Mitmenschen. Befrage ich mein verfressenes Konsumhirn dazu, kommt bloß heraus: Wenn Fleisch nicht so unverschämt lecker wäre, könnte ich doch einfach ganz und für immer damit aufhören. Oder wie es ein Freund formuliert: „Die zehn Tage hältst du ja vor allem deswegen durch, weil du weißt, danach kannst du wieder zurück.“ Stimmt.

Doch dieser Selbstversuch bedarf ja nicht einmal besonderer Willensstärke oder die Fähigkeit der Entbehrung, nicht mal für mich Wurstbrotfetischist. Der Beweggrund der Idee war die Neugier auf die Gedanken und Schlüsse, die mich in dieser doch recht kurzen Zeit begleiten. Wie oft man es doch fast vergisst, was man tut, und wie tückisch der Alltag sein kann, wenn man doch in Wirklichkeit nichts als ein hungriger, beinahe mittelloser Student ist.

Was folgt sind meine Notizen, die ich, äußerst unkoordiniert und nachlässig wie ich bin, meist nachts oder am nächsten Morgen vom entsprechenden Tag niedergetippt habe, in einer Mail an mich selbst, zum selbst antworten, mit dem einzigen Wort „fleisch“ im Betreff.

Tag 1, Dienstag.

Eine Überdosis Euphorie und Strebsamkeit ob des neuen Alltags ebnet mir selbst sonst noch so unbeliebte und unbequeme Wege. Ich liebe Selbstversuche! Im Stechschritt bewege ich mich in die Vegetarier-Ecke der Essensausgabe meiner Mensa, und mache direkt auf dem Absatz kehrt – meine Wahl fällt auf die Nudeltheke, vegetarische Tomatensoße. Später, nicht weniger hungrig leider, lande ich in meiner begehbaren Wohnküche, einzig unbedenklich hier sind aber Frühstücksflocken. Entscheide mich für Lakritz und Smarties, frage mich, ob Hühnerbrühe bedenklich ist, wenn sie keine Fleischreste enthält? Welch Unsinn, natürlich ist sie das! Zehn Tage, denke ich da noch, ist ja ein Klacks. Lieber mein ganzes Leben. Hmh.

Tag 2, Mittwoch.

Der Streit mit meiner Mutter, ob man sich zur fragwürdigen Tierhaltung Gedanken machen muss, oder nicht schon genug Probleme hat, und wenn man anfinge mit diesen Gedanken über Bilder und Schreckgeschichten der Realität, doch eh nie wieder mit Appetit Fleisch essen könne, macht mir auf dem Heimweg ein haha, tierisch schlechtes Gewissen. Ich schreibe ihr, sie solle sich keine Gedanken machen. Ich vertraue ihr mal, dass sie auf mich hört, statt zu denken, sie sei verantwortungslos und skrupellos der ihr untergestellten Nahrungskette gegenüber.

Davor zerlege ich ihr und dem Kater Brühwürste in mundgerechte Stücke, beide können grad nicht so gut kauen, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Aber wir waren ja schon beim Heimweg. Ihn hinter mich gebracht wird’s leider ernst. Da ist immernoch nichts fleischfreies in meiner Wohnung. Bin verdammt kurz davor, alte Salami in mich hinein zu stopfen. Verziehe mich mit trockenen Frühstücksflocken ins Bett, wieder nur Nudeln im Bauch, weil ich auf dem Weg zur Wurstbrötchen-Cafeté merkte, dass ich ja grad diesen Selbstversuch zum neuen Hobby gemacht habe. Hobby, ich hatte noch nie eins!

Tag 3, Donnerstag.

Ich frühstücke drei Erdbeer-Actimels im Büro. Nein, garnicht wahr, eins davon verschenke ich an jemanden, dem ich voller Herzenswärme immer mein Essen schenke. Es gibt nichts schöneres als das. Wieder einmal angekommen in der Mensa wage ich mich an die Pilzsoße, weil meine Freundin mutmaßte, in den Germknödeln sei Pflaumenmuß – pfui Teufel. Später dann mein erster Besuch im Supermarkt, das ist hart. Völlig neues Gefühl, kurzfristige Überforderung, so viel Wurst. Kurze Überlegung, alles hinzuwerfen, den Gedanken aber verworfen, gefolgt von einem Hochgefühl an Moral und Vorbild brauche ich eine gute Stunde in der Tiefkühlabteilung. Finde fleischlose Pizzabaguettes, sogar im Sonderangebot. Nehme sie mit. Verwirrt wie ich bin, vergesse ich die Hälfte, lass alles bei der Kassiererin stehen, kaufe tierfreien Brotaufstrich, dazu jede Menge Wein und Zigaretten. Ausgleich.

Tag 4, Freitag.

Heute versuche ich mich in Selbstversorgung, was jede Menge Tomaten und Gurken und Baguette mit Eiaufstrich zum Frühstück bedeutet. Verbringe den Tag im Ruhesaal der Bibliothek, wo sich ein Kommilitone zu mir gesellt. Später sind wir ausgehungert und voll von Vorfreude ob des Abends mit Junkfood, bis mir wieder diese eine Sache einfällt. Die mir grundsätzlich sehr spät einfällt. Beim Dönermann gibt es kaum eine Alternative. Wir landen in der Pizzaria, von deren Nudeln mit Käsesoße mir am nächsten Mittag noch übel ist. Langsam reicht’s.

Tag 5, Samstag.

Faste den ganzen Tag lang, weil ich eine tolle Einladung zum Essen bekommen habe. Chili con Carne. Ahne die ganze Woche lang nicht, was daran ein Problem darstellen könnte. Erst eine Straßenbahnhaltestelle vor dem Ziel wird mir klar, dass ich ein Schwachkopf bin. Ich bekomme ein Ersatzgericht und schaue den Jungs dabei zu, wie sie ganz wild vor Freude das pure Hack aus meinem Chili bekommen, dessen Gemüsezutaten fein säuberlich von meiner Gabel und meinem Hunger entfernt wurden.

Tag 6, Sonntag.

Ich bin zu Besuch in einem Dorf, und dort gibt es Schokobrötchen. Ich bin sehr hungrig, versuche aber, mir nichts anmerken zu lassen (ich bin nie hungrig, habe kaum Appetit, immer nur Stress, doch jedes mal, wenn ich dort zu Besuch bin, könnte ich essen und sonst nichts. Das verstehe ich nicht), und ärgere mich, dass ich Schokobrötchen in den letzten Tagen nicht schon als Grundnahrungsmittel anerkannt habe. Im Dialog zwischen Himbeertorte und Kartoffelschleim stelle ich fest, dass ich nicht weiß, ob es Ehrgeiz oder freiwilliger Verzicht ist, der sich durch diesen Selbstversuch zieht wie ein roter Faden.

Tag 7, Montag.

Zum Frühstück gibt’s Tee, der Blick in den Kühlschrank lässt keine andere Wahl übrig. Später beim Bäcker kaufe ich Körnerbrötchen, um sie ohne alles aufzuessen. Daheim angekommen muss wieder einmal der Single-Ofen herhalten, um mir meine beinahe ans Herz gewachsenen Pizzabaguettes aufzubacken. Den Rest des Abends lenke ich mich mit einem 500-Teile-Puzzle von meiner kaum spürbaren Fleischsehnsucht ab. Viel aufdringlicher sind die größer werdenden Gedankenanteile zur Zeit danach. Ob ich einfach wieder guten Gewissens Produkte von abartig gequälten Tieren essen kann oder überhaupt will.

Tag 8, Dienstag.

Supermarkt Klappe die zweite, ich irre wieder orientierungslos umher, lande wieder bei der Tiefkühlkost, nachdem ich Gemüsebuletten suche aber nur fleischfreien Gemüseaufstrich finde – und kaufe. Auf meiner imaginären Einkaufsliste stehen zwei Pizzen für meine Freundin und mich, die wie ich denke mehr aus Zufall als aus Solidarität Pilze auf ihrer Pizza wünscht. Ich greife beim selben Hersteller zu „Vegetare“ – Peperoni, Tomaten, Zwiebeln und Paprika versprechen einen akzeptablen Fleischersatz.

Ich schleppe also all die Leckereien ausgehungert ins Altbau-Dachgeschoss in mein großzügiges Loft, um festzustellen, dass der erst kürzlich in Betrieb genommene Single-Pizza-Ofen eine Entscheidung getroffen hat. Nicht zu meinen Gunsten, versteht sich. Als er wählen musste, ob die Ober- oder Unterhitze einem Defekt erliegen soll, hat er sich selbstverständlich für die Oberhitze entschieden, was unsere Pizzen von unten schwarz und von oben matschig werden ließ. Aber Essen ist doch nicht alles. Oder?

Tag 9, Mittwoch.

Ich weiß nicht mehr was läuft, alles versinkt in Arbeit, das Projekt fleischfrei wird zum Stiefkind. Was esse ich? Grässliche Bio-Vollkorn-Nudeln in der Mensa, die nur von einem herzerfrischenden Gegenüber erträglich gemacht werden. Wir spielen Fahrkartenquartett während mein Blick auf seinen Gulasch-Stücken klebt wie meine Nudeln aneinander. Vorher habe ich garnichts gegessen, genau genommen, was mir nicht auffällt weil es nichts neues ist, ist meine ganze Ernährung außerhalb jeglicher Kontrolle. Den Rest des Tages kann ich nicht rekonstruieren, egal wie sehr ich mich anstrenge. Nebel.

Tag 10, Donnerstag. Fazit.

Es gibt diese Momente. Da träumt man von Salami-Brötchen und Schinken-Toast wie andere Mädchen meines Alters von der neuen Zara-Kollektion. Und es gibt die gefährlichen Momente. Die, von deren Gefahr mir erst gute fünf Stunden später bewusst wird. Ein Freund will mich wieder und wieder davon überzeugen, mich am Frühstücksbuffett zu bedienen – ja sogar noch reichlich mit einzustecken, „für schlechte Zeiten“. Pause für Pause lehne ich dankend ab, Bauchweh, keinen Hunger, wie jeden Tag. Mir kommt nicht in einer Minute in den Sinn, dass ich es ja garnicht essen darf, weil Wurst unter dem zarten Dekor aus Gurke und Tomate platziert ist.

Jetzt packt mich der Schreck, hätte ich es gegessen, wenn ich Hunger gehabt hätte, weil ich es immer und immer wieder vergesse, welcher Selbstversuch meinen Alltag bestimmt? Anderer Ort, gewissenhafte Besserung: weiter Appetitlos begleite ich die Kollegen in die Mensa, esse eine Birne. Wegen des Artikels bekomme ich leichte Gewissensbisse: Heute wäre die letzte Chance, auf den Geschmack von Fleischersatzprodukten zu kommen, zumindest innerhalb dieser Geschichte hier. Und was steht auf dem Speiseplan?

Tofu-Geschnetzeltes in Rahmsoße. Die Freundin brüllt bei der Essensausgabe zu einer anderen herüber: Hey, das ist kein richtiges Fleisch! Und sie: Ach, ist doch egal! – Selbige sitzt natürlich den Rest der Mittagspause unmittelbar neben mir. 30 Minuten lang hätte ich davon kosten können, habe ich aber nicht. Kein Tofu für mich. Sehr schade, es wäre die Krönung meines Versuchs gewesen, ja gar eine Pflicht innerhalb dieses Selbsttests.

Mein 10-Tage-Versuch endet mit haufenweise Ungewissheit, was ab morgen ist, ob ich mich ab morgen schlecht fühlen muss für Burger und Pizza? Ich schaue auf mein trockenes Toastbrot und finde keine Antwort.

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